MIRJAM KUITENBROUWER

PETER HERBSTREUTH

Das Atelier und seine Ausleger. Zur Architektur als Metapher in Mirjam Kuitenbrouwers Werk

Studiolo
Mirjam Kuitenbrouwers künstlerische Aktivität speist sich aus dem sicheren Gehäuse ihres Ateliers. Sie hat es in Skizzen, Aufsätzen, Gesprächen immer wieder beschrieben.1 Von hier geht alles aus. Das Atelier ist der Denkraum, die Mitte der Welt, das Transformatorengehäuse. Dafür hatte sie eine Entsprechung in Antonella da Messinas ‘Der Hl. Hieronymus im Studierzimmer’ (ca. 1475) gefunden. Der Blick durch eine breite Tür trifft in der zentralen Mitte auf ein abgetrenntes studiolo in einer gotischen Kirche mit Fenstern hinaus in eine Hügellandschaft und hinauf in die Bläue des Himmels. Dieser Raumidee als Denkmodell folgte sie in verschiedenen Variationen und intensivierte dabei die perspektivischen Ansichten der Betrachter auf die Bilder verschiedener Räume als auch den Gedanken an die innere Gefasstheit und Konzentration des studierenden Geistlichen. Das Sehen soll sich beim Sehen zuschauen.
Entsprechend lässt sich ihr Verhältnis zur Architektur situieren. Der Denkraum liegt in einem geschützten Bau, worin ein Studierender sitzt, der seinerseits als Fortführung des Aussenraums begriffen wird. “Unter dem Schädeldach haust die Werkstatt des Bewußtseins”, schreibt sie.2 “Reflektieren und Realisieren. Dies ist meine Hauptbeschäftigung.”3 Und sie zitiert Samuel Beckett: “Das Erlebnis des Seins ist das Erlebnis, von sich selbst bemerkt zu werden.”4 Ihr Denken reflektiert sich in einem Spiegelkabinett als anhaltende Selbstwahrnehmung. Deshalb öffnen Fenster und Türen Auswege aus der Selbstbespiegelung der eigene Gedanken, ebenso die immer ins Spiel gebrachte ‘Beobachtung’, obschon Kuitenbrouwer auch ein Observatorium – das extrovertierte Gebäude par exellence ‘als Observation des Innern’ auffasst. Es liegt in der Logik ihres Bezugfelds und der A-logik der verschachtelten mentalen und baulichen Räume, dass Architektur als Bau und Metapher eine Rolle spielt. Doch Baukunst ist ihr Thema nicht.

Anarchitektur
Kuitenbrouwers Bezug zur ‘Anarchitektur’ liegt abseits dessen, was von dem extrem extrovierten Erfinder des Begriffs, Gordon Matta-Clark, bekannt ist. Gleichwohl lassen sie sich insofern auf einen thematischen Nenner bringen, als auch Matta-Clark architektonische Verhältnisse in skulpturale, fotografische und zeichnerische Gebilde verwandelte.5 Durch gezielte Eingriffe negierte er den direkten Bezug zur Architektur und machte aus funktionalen Räumen und banalen Gebäuden einen Gedanken. Aus einem Reihenhaus wurde ein Gebilde, dessen spitzwinkelinge Symmetrieachse den Blick auf den Schnitt, den Spalt, die Leerstelle zog und dessen Gesamterscheinung einem Schmetterling glich. Aus einer Wand wurde eine Mobile Skulptur allseitiger Anschauung, die ebenso Beziehungen zu Interieurs in der Malerei wie zu Fundstücken in der Nachfolge von Marcel Duchamp aufnehmen und überdies Aspekte des Pittoresken und der Ruinenromantik in Bewegung setzen konnte. Unter der Hand von Matta-Clark lösten sich architektonische Fakten in metaphorischen Spiegelungen auf und durch seine wohlüberlegten Destruktionen konstruierte er weitgehend autonome Gebilde, deren Herkunft hinzugewonnene Bedeutungen überlagerten. Im versetzten Zusammenhang – Galerienkontext – gewannen sie den auratischen chic von Bruchstücken aus der rohen Wirklichkeit, die durch gezielte Akte medialer Verwandlung eine Fülle von Bedeutungen freisetzten.6 Indem er gebaute Architektur und ihre sozialen und ästetischen Implikationen als Readymade betrachtete, konnte er sie wie ein minimalistischer Bildhauer bearbeiten. Daraus resultiert ein Feld von Anspielungen, eine Denkmasse, wie Kuitenbrouwer sagen würde, deren Architekturaspekte nicht sehr viel größer sind als die Sanitäraspekte bei Duchamps ‘Fontain’. Es ging nicht um Architektur, die sich in einem inspirierten Querkopf freisetzte. Die Künstler, die in diese Richtung dachten, waren Städter, die von Architektur auf Schritt und Tritt umgeben sind und ihre Umgebung als Werkstoff für Vorstösse im skulpturalen Bereich angingen, eine Gegen-Architektur als Produktionsprogramm und Denkmodell, das die Kontexte der Kunst, nicht die der Architektur im Sinne hat.

Bildraum
Eine solch ausgreifende Reflektion über Architektur betrifft Kuitenbrouwers Werk. Sie hatte 1999 mit Polaroidkameras jenseits deren eigentlichen Funktionen zu arbeiten begonnen, schoss keine Fotos, sondern setzte die Aparate so in Szene, dass sie einem gebauten Haus glichen. Das visuelle Ergebnis war verblüffend und evident. Man hielt es für möglich, das solch ein Gehäuse als Wohnkomplex nutzbar ist. Es schien modern, eigentümlich und baulich nachvollziehbar – zumal Kuitenbrouwer die Gehäuse so effektvoll in einer Modell-Landschaft freistellte, das diese dem Blick aus der Ferne wie der Vorstellung des Gegenblicks heraus aus den Fenstern anschaulich entgegenkamen und gleichzeitig als skulpturales Gebilde möglich schien. Ein Architekt konnte es für eine Entwurfsidee halten.
Das Gehäuse als Aufnahmeapparat diente ihr als polyvalente Metapher mit weitem Assoziationsradius. Es öffnete ihrem Grübeln und Nachdenken über Innen- und Aussenraumerfahrungen ein neues Feld und erweitert die Konzeption des studiolos. Die darauf folgende Koopertation mit der Projektgruppe Observatorium machte überdies die Welt im Atelier als geistiger Rastplatz durchlässiger für Reflektionen über Architektur als öffentliche Angelegenheit mit Ein- und Ausschließungsfolgen. Gleichwohl: Man muß sich auch das begehbare Gehäuse der Fotokamera als Variante eines studiolos vorstellen: ein leerer Raum, der sich mit Bildern füllt.

Peter Herbstreuth

 

1. Mirjam Kuitenbrouwer: Spillway I/II, in: Mirjam Kuitenbrouwer. Wiener Secession, Wien, 2000; Mirjam Kuitenbrouwer im Gespräch mit Ute Riese, in: Telescopium. Kunsthalle Wilhelmshaven 2002; Mirjam Kuitenbrouwer: Selbstportrait als Augenzeuge, in: Telescopium. a.o.O.
2. M.K.: Selbstportrait als Augenzeuge. a.o.O.
3. ebd.
4. ebd.
5. Vgl. Corinne Diserns (Hg.); Gordon Matta-Clark, Marseille, 1993, S. 374.
6. Im Winter 1976 wurde Gordon Matta-Clark neben Architekten wie Richard Meier und Michael Graves zur Ausstellung ‘Idea as Model’ im Institut of Architecture and Urban Studies in New York eingeladen. Er lieh sich von Dennis Oppenheim ein Gewehr, zerschoss die Fenster der Ausstellungshalle, klebte darunter Fotografien von neuen Wohnblocks mit zerschlagenen Scheiben in der South Bronx und lenkte den Blick gleichsam vor die Haustür der Halle. Der Direktor des Instituts, Peter Eisenman, fühlte sich an Bilder von der ‘Kristallnacht’ 1938 in deutschen Städten erinnert und warf Matta-Clark aus dem Projekt. Matta-Clark selbst hatte in keiner Weise an solche Implikationen gedacht. Die Ausstellung fand ohne ihn und mit über Nacht instandgesetzten Fenstern statt. Vgl. Ebd., S. 53 u. 363.

 

 

Katalog zur Ausstellung

Unheim – Anarchitekturen

15 09 – 03 11 2002

Stadthaus Ulm

 

Gordon Matta-Clark

Haus-Rucker-Co

Dan Graham

Rachel Whiteread

Gregor Schneider

Amelie von Wulffen

Peter Garfield

Alexandra Ranner

Seoungwon Won

Mirjam Kuitenbrouwer & Observatorium

 

curator: Friederike Kitschen

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